Saarland Nachrichten Masse statt Klasse in der Pflegeausbildung? Saarbrücken Nachrichten

nachrichteNews.com - Der Pflegenotstand ist groß, nun soll es der Nachwuchs richten: Mehr Ausbildungsplätze gleich mehr Pflegekräfte, so das politische Kalkül auch in Berlin. Doch so einfach geht die Rechnung nicht auf. Von Tina Friedrich und Anna Corves

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07 Januar 2021 - 06:45

Aktuelle Nachrichten ! Nathalie ist fast fertig mit der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Im Februar 2021 macht sie ihr Examen. Examinierte Pflegekräfte werden händeringend gesucht, Nathalie wird sich aussuchen können, wo sie anfangen will. Trotzdem ist sie verunsichert, wenn sie an ihren Start ins Berufsleben denkt. "Ich habe noch nie einen Katheter gelegt, ich kam einfach nicht zum Üben", sagt sie. In ihren drei Ausbildungsjahren gab es im Stationsalltag dafür wenig Zeit. Nicht nur bei pflegerischen Tätigkeiten fiel ihr das auf. "Es gibt diese große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Ich lerne in der Schule, wie ich pflegen soll, und in der Praxis wird mir direkt gesagt: Guck dir bloß nicht ab, wie ich das mache." Schüler sollen Arztaufgaben übernehmen Pflegeazubi in Zeiten der Personalnot zu sein, bedeutet seit Jahren bei den Einsätzen in Kliniken und Altenheimen: wenig Anleitung, aber viel Verantwortung. Oft sogar zu viel Verantwortung. Auch Friedrich ist Auszubildender der Gesundheits- und Krankenpflege. Er lernt in einem anderen Krankenhaus als Nathalie, berichtet aber von ähnlichen Erlebnissen. Im Schichtbetrieb zähle jede Hand. Man werde einfach losgeschickt, Aufgaben am Patienten zu übernehmen, erzählt er. "Aber niemand vergewissert sich, ob ich das überhaupt schon kann." Mehrere Azubis berichten, dass sie immer wieder Aufträge bekommen, die eigentlich nur examinierten Pflegekräften erlaubt sind. "Ich dürfte zum Beispiel ohne Aufsicht keine Infusionen vorbereiten, das ist aber gang und gäbe", sagt Friedrich. Die Patientensicherheit werde vernachlässigt, er hält das für fahrlässig. mehr zum thema dpa/Emilio Morenatti Positionspapier mit Amtsärzten und Kliniken - Berliner Senat und Verbände verständigen sich auf bessere Bedingungen für Pflege Keine Zeit für Anleitung Seit 2020 ist vorgeschrieben, dass zehn Prozent der Ausbildung durch geschulte "Praxisanleiter" erfolgen müssen. So steht es im Pflegeberufegesetz. Das entspricht 250 Arbeitsstunden verteilt auf drei Ausbildungsjahre, rechnerisch etwa 16 Stunden pro Praxismonat. De facto werden diese Praxisanleiter aber am Patienten gebraucht, haben kaum Zeit für die Ausbildung. Aufpassen, dass die Azubis keine Fehler machen, müssen dann andere Fachkräfte, die regulär im Dienst sind. Eine von ihnen ist Sabrina Richardson. Sie arbeitet seit 28 Jahren in der Altenpflege. Als langjährige Leasingkraft hat sie viele Berliner Pflegeheime kennengelernt – und viele Azubis. "Die werden eigentlich die ganze Zeit für die Körperpflege der Bewohner eingesetzt." Richardson findet das unfair: So könne der Nachwuchs nichts lernen. Richardson wurde schon Zeugin, wie ein frischgebackener Ausbildungsabsolvent einem Patienten jede Menge Blutverdünner in die Pillenschachtel sortierte – im Glauben, es handele sich um ein Diabetesmittel. Ein potenziell gefährlicher Fehler, der in diesem Fall jedoch rechtzeitig entdeckt wurde. Verdoppelung der Azubizahlen illusorisch 2019 wurden rund 4.000 Pflegeazubis in Berlin ausgebildet. Bis 2023 soll sich diese Zahl verdoppeln, so steht es im "Pakt für die Pflege" von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Die ehrgeizigen Pläne der Berliner Senatorin hält Christine Vogler für nicht umsetzbar. Vogler leitet die größte der insgesamt 35 Pflege-Ausbildungsstätten in Berlin: den Bildungscampus für Gesundheitsberufe. Der Campus bildet den Nachwuchs für Vivantes und die Charité aus. Mehr als die Hälfte der Berliner Pflegeazubis lernten dort (Stand 2019). Sie habe die Plätze bereits aufgestockt, aber eine Verdopplung sei nicht zu schaffen, sagt Vogler. Zum einen würden die Kliniken mit Azubis in der Praxisphase überflutet werden. Zum anderen fehlten Räume für den Unterricht – und vor allem Lehrkräfte. 60 bis 80 zusätzliche Pädagogen bräuchte Christine Vogler, um die Anforderungen der Gesundheitssenatorin zu erfüllen.

Source: Nachrichtenews.com

. "Eine Verdoppelung der Ausbildungszahlen ist ein notwendiges Ziel, um den Fachkräftebedarf in der Pflege in Berlin zu sichern", antwortet die Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine Anfrage von rbb24 Recherche. Die Bundesgesetzgebung werde umgesetzt. "Die Fortbildung von Praxisanleitenden sowie die Tätigkeit der Praxisanleitung selbst ist über den Ausbildungsfonds refinanzierbar. Damit wird die Arbeit der Praxisanleitenden aufgewertet und die Tätigkeit attraktiver." Gemeinsam mit der Senatskanzlei, die für die Hochschulstudiengänge zuständig ist, habe man 40 Studienplätze in einem neuen Masterstudiengang für Pflegepädagogik eingerichtet. In Berlin gebe es darüber hinaus "großzügige Übergangsfristen", die den Pflegeschulen die Suche nach zusätzlichen Lehrkräften erleichtern würden. Lehrpersonal fehlt Von den 899 Lehrkräften, die 2019 an den Berliner Pflegeschulen unterrichtet haben, kamen mehr als 500 aus dem Praxisbetrieb – Ärzte, Pflegekräfte, Hebammen. Ihre Arbeitskraft fehlt dann auf den Stationen und in den Heimen und erhöht dort den Druck. Vogler kann den Wunsch und die Notwendigkeit, sehr schnell sehr viel mehr Pflegekräfte auszubilden, nachvollziehen. Doch die politische Maßgabe setze die Schulen zu sehr unter Druck und führe letztlich dazu, auch Bewerber in die Ausbildung aufzunehmen, die man früher als ungeeignet abgelehnt hätte. "Seit 2009 werden die Schulabschlüsse für die Pflegeausbildung immer weiter runtergeschraubt. Jeder, der zehn Jahre Schule abgeschlossen hat, wird genommen. Bei einigen fehlt dann fachliche Kompetenz. Das fängt an beim Rechnen und hört auf beim Schreiben." Nicht alles könne man an der Schule auffangen. mehr zum thema imago-images/Friedrich Stark Interview | Personalratschef der Charité - "Die Pflege war sehr lange sehr stumm" Sorge vor Qualitätseinbußen Die Senatsverwaltung entgegnet: "Die Pflegeausbildung findet auf einem sehr hohen Niveau statt, die Abschlussprüfungen folgen einheitlichen Standards." Christine Vogler macht sich dennoch Sorgen. Wenn nun immer mehr Azubis durch die Ausbildung "geschleust" werden müssten, könnte das Niveau der Ausbildung und damit letztlich die Pflegequalität am Bett sinken. "Wir haben schon jetzt mehr Schüler, die beim Examen zwei Mal antreten müssen. Und die Durchschnittsnote bei den Abschlüssen sinkt", sagt sie. Auch Hedwig Francois-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit warnt davor, die Ansprüche an die Pflegenden der Zukunft herunterzuschrauben. "Es geht nicht um Masse, sondern um Klasse", sagt sie. "Wenn ich jeden in die Ausbildung schicke, der da gerade um die Ecke kommt, dann kommen auch ungeeignete Leute in die Pflege. Das müssen wir verhindern." Akademisierung als Antwort Aus ihrer Sicht müssten vielmehr die Ausbildung und das Berufsbild interessanter werden, um auch die besten Schülerinnen und Schüler für die Pflege zu gewinnen. Das funktioniere vor allem über ein entsprechendes Studienangebot. Francois-Kettner war jahrzehntelang Pflegedirektorin der Charité und berichtet von sehr guten Erfahrungen mit studierten Pflegekräften. "Sie haben Routinen in der Patientenversorgung hinterfragt, neue Forschungsergebnisse eingebracht und sind den Ärzten auf Augenhöhe begegnet." Das erhöhe den Stellenwert der Pflege. So würde die Pflegeausbildung auch für Abiturienten wieder attraktiv. "Viele von denen gehen uns heute verloren, weil sie in Nachbarländer wie die Schweiz abwandern, wo das Studium attraktiver ist." Nathalie bereut den Schritt in die Pflegeausbildung trotz aller Herausforderungen nicht. "Es klingt kitschig, aber es ist einfach schön, Menschen zu helfen", sagt sie. Gleichzeitig sei das eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Aufgabe. "Man muss einen Patienten sehen und sofort wissen, was er für ein Problem hat. Man muss viel wissen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Das fordert mich auch persönlich. Das finde ich einfach sehr spannend an dem Job." Sendung: Abendschau, 07.01.2021, 19:30 Uhr

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