Baden-Württemberg Nachrichten Was Klingelschilder über die Gesellschaft verraten Stuttgart Nachrichten

nachrichteNews.com - Einst wollte man mit Namensschildern auf Briefmarken für Vielfalt werben. Heute wird diskutiert, ob sie anonymisiert werden. Eine kleine Kulturgeschichte.

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nachrichteNews.com - Einst wollte man mit Namensschildern auf Briefmarken für Vielfalt werben. Heute wird diskutiert, ob sie anonymisiert werden. Eine kleine Kulturgeschichte.

Baden-Württemberg Nachrichten Was Klingelschilder über die Gesellschaft verraten Stuttgart Nachrichten
17 November 2020 - 14:30

Aktuelle Nachrichten ! Der Sprach- und Kulturwissenschaftler Dirk Naguschewski ist Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.Nur noch selten findet man in den Hauseingängen der Berliner Mietskasernen aus der Gründerzeit einen Stillen Portier. Dieser – zumeist eine hölzerne Tafel, die mit den Namen der aktuellen Mieter bestückt wurden – bot Besuchern Orientierung, wer wo wohnte.Davon profitierten nicht nur Nachbarn, Freunde und Bekannte, sondern vor allem die Briefträger, die ihre Post in den dafür vorgesehenen Schlitz der Wohnungstür einzuwerfen hatten. Heute gibt es meist normierte Briefkästen im Eingangsbereich und eine Gegensprechanlage. Wessen Name auf dem Klingelschild stehen darf, regelt in Deutschland das Mietrecht. Bürokratisch formuliert: Nur wer zum Gebrauch der Mietsache berechtigt ist, darf auf dem Namensschild am Briefkasten und an der Klingel genannt werden.Namen von Untermietern oder anderen Personen, mit denen der Mieter einen Haushalt teilt, dürfen nur dann dort auftauchen, wenn der Hauptmieter dem Vermieter gegenüber zur Untervermietung berechtigt ist. Ausnahmen sind Ehe- beziehungsweise Lebenspartner und Kinder.Andere Länder, andere SittenWer für die Anbringung des Namenschildes zuständig ist und für die Kosten aufzukommen hat, ist nicht in jedem Fall verbindlich geklärt. Dort, wo Hauseigentümer oder Vermieter Wert auf ein gepflegtes Äußeres ihrer Immobilie legen, werden die Schilder in der Regel einheitlich gestaltet. Wo dies nicht der Fall ist, vermittelt sich der Eindruck eines bunten Durcheinanders. Andernorts, in Spanien, Polen oder den USA, ist es unüblich, Namen anzubringen, dort behilft man sich mit Wohnungsnummern. Auch hierzulande können Mieter das Recht geltend machen, ihren Namen nicht an der Klingel zu lesen.2012 kam bei der Deutschen Post eine Briefmarke heraus, die das Klingelschild einer gepflegten Gegensprechanlage zeigt. Sechs Familiennamen sind hier einheitlich mittig und gut lesbar in Großbuchstaben gesetzt.Thematisch geht es bei dieser von den Düsseldorfer Grafikern Jens Müller und Karen Weiland gestalteten Briefmarke um einen spezifischen Aspekt von Nachbarschaft, nämlich um den der Vielfalt. urban.cmd.push( function() { urban.display('medrect2'); }); var Criteo = Criteo || {}; Criteo.events = Criteo.events || []; Criteo.events.push(function() { Criteo.DisplayAcceptableAdIfAdblocked({ "zoneid": 962915, "width": 300, "height": 250, "containerid": "crt-medrect2", "callbacksuccess": function() { adslotFilledByCriteo('medrect2', true); } }); }); Müsste es heute nicht noch diverser zugehen? Sondermarke aus dem Jahr 2012.Abbildung: cargocollective.com/KARENadams, Entwurf: Jens Müller, Karen Weiland Diese ist, wie das dazugehörige Ersttagsblatt 27/2012 der Deutschen Post angibt, der „Anlass“ der Marke. Bereits 1981 gab es ein Sonderpostwertzeichen mit der Aufschrift „Integration ausländischer Arbeitnehmerfamilien“.Daneben sind in realistischer Malweise sechs Menschen dargestellt, die einander zugewandt im Rahmen einer Wohnungstür stehen. Die Tür öffnet sich auf eine gegenstandslos himmelblaue Fläche.In der Mitte steht eine schwarzhaarige Familie (Mutter, Vater, Kind), um sie herum eine hellhaarige Familie (ebenfalls Mutter, Vater, Kind). Der blonde Mann hält einen Blumenstrauß in der Hand. Es muss wohl Wochenende sein, und Tee und Kaffee stehen schon bereit …Spätere Marken hatten noch mehr Appellcharakter Im Text des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung heißt es auf dem Ersttagsblatt 5/1981: „Im Jahre 1980 lebten etwa 4,4 Mio Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Die meisten von ihnen sind ausländische Arbeitnehmer mit ihren Familien. Eine große Zahl der über eine Million ausländischen Kinder ist hier im Lande geboren und aufgewachsen. Das macht die Bedeutung der Aufgabe deutlich, diese Menschen in unsere Gesellschaft so gut wie möglich einzugliedern.“ urban.cmd.push( function() { urban.display('medrect3'); }); var Criteo = Criteo || {}; Criteo.events = Criteo.events || []; Criteo.events.

Source: Nachrichtenews.com

.DisplayAcceptableAdIfAdblocked({ "zoneid": 962916, "width": 300, "height": 250, "containerid": "crt-medrect3", "callbacksuccess": function() { adslotFilledByCriteo('medrect3', true); } }); }); 1994 gab es eine weitere Marke mit vergleichbarer Ausrichtung, aber noch stärkerem Appellcharakter. Sie zeigt elf nebeneinanderstehende Menschen, die ein Banner vor sich halten, auf dem in Schreibschrift „Miteinander leben!“ zu lesen ist.Die Figuren sind gesichts- und namenlos, eine eindeutige Identität lässt sich diesen merkwürdig verpixelten Gestalten nicht zuweisen. Nur vereinzelt ist zu erahnen, ob es sich bei ihnen um Frauen oder Männer, Hell- oder Dunkelhaarige handelt. Eine einzige Person scheint eine deutlich dunklere Hautfarbe zu haben.Briefmarken als Medium politischer Ikonographie Anfang der 1990er Jahre ging es angesichts einer um sich greifenden Fremdenfeindlichkeit in der kürzlich wiedervereinigten Republik noch immer – doch nun unter veränderten Vorzeichen – um „Integration“ und „Ausländer in Deutschland“.Zwischen 1981 und 2012 hat sich offenbar etwas verändert. Menschen mit Namen Yilmaz, Kaminski, Hanke, Peters, Krüger und Tozzi sind nun „in Deutschland zu Hause“, wobei das Wort „Deutschland“ fetter gedruckt ist. Zu Hause in Deutschland sind aber nicht nur die namentlich genannten Bewohner dieses Hauses, sondern, wie die Marke behauptet, auch die „Vielfalt“, die sich als Antwort auf die vorausgegangenen Appelle „Integration ausländischer Arbeitnehmerfamilien“ und „Miteinander leben!“ lesen lässt.Sie wird durch die unterschiedlichen Familiennamen am Klingelbrett symbolisiert – gerade so, als sei die Herausforderung bereits gemeistert. Insofern die Ausgabe von Briefmarken in staatlicher Verantwortung liegt, sind diese ein Medium der politischen Ikonographie.Vielfalt als Normalität und Bereicherung urban.cmd.push( function() { urban.display('medrect4'); }); Im Deutschland des Jahres 2012 ist das Bundesfinanzministerium zuständig, das in enger Abstimmung mit einem Programm- und einem Kunstbeirat professionelle Designer mit der Gestaltung beauftragt.Auf der Webseite des Finanzministeriums kann man noch heute folgende Erläuterung lesen: „Geht man durch die Straßen in Berlin oder anderen deutschen Städten ist es inzwischen alltäglich und selbstverständlich, dass an den Haustüren Klingelschilder mit Namen zu finden sind, die auf die unterschiedliche Herkunft der Namensträger schließen lassen. Daher stimmten die Gäste der Briefmarkenpräsentation im Amtssitz der Bundeskanzlerin dem Bundesfinanzminister in seiner Einschätzung zu, dass „die Vielfalt in Deutschland nicht nur Normalität, sondern auch Bereicherung sei.“Namen sollen Assoziationsräume öffnen Hier ließe sich einwenden, dass, nur weil etwas „alltäglich und selbstverständlich“ geworden ist, es sich dabei noch lange nicht um eine „Bereicherung“ handeln muss. Vielfalt als Bereicherung – und nicht als Bedrohung – anzusehen, wird aber vom Staat propagiert: Mehr als fünf Millionen Mal wurde diese Botschaft deshalb auf eine Briefmarke im Wert von 55 Cent gedruckt, dem damaligen Standardporto für einen Brief. Die Namen sollen vor diesem Hintergrund Assoziationsräume eröffnen: Ein Name klingt eindeutig türkisch (Yilmaz), einer italienisch (Tozzi). Drei Namen (Hanke, Peters, Krüger) hören sich deutsch an. Bei ihnen handelt es sich genau besehen um Familiennamen, die signifikant häufiger in der Nordhälfte Deutschlands verbreitet sind. Sollte es dieses Klingelbrett tatsächlich gegeben haben, dann hing es vermutlich in der nördlichen Hälfte der alten Bundesrepublik. Bei Kaminski liegen die Dinge etwas komplizierter. Der Name klingt zwar polnisch, doch wer einmal in einer deutschen Mietskaserne gewohnt hat, wird auch Nachbarn mit ähnlich klingenden Namen gehabt haben.20 Prozent der Bevölkerung hat Migrationshintergrund Oft genug sind sie seit vielen Generationen Deutsche. Besonders häufig ist der Name Kaminski in Nordrhein-Westfalen. Man könnte vermuten, dass ein Ahnherr dieser Briefmarken-Kaminskis zur Gruppe der sogenannten Ruhrpolen gehört hat, die im 19. Jahrhundert vor allem in den Ruhrpott eingewandert sind, um dort ihren Lebensunterhalt im Bergbau zu verdienen. Möglicherweise ist Kaminski insofern auch der aufschlussreichste dieser Namen, zeigt er doch, wie problematisch der Rückschluss von einem Namen auf die „Herkunft der Namensträger“ ist. Denn welche Herkunft ist hier gemeint? Geht es um den eigenen Geburtsort, den der Eltern, den der Großeltern? Oder nicht eher um den Ursprung des Namens, der oft eine lokale Referenz beinhaltet oder auf handwerkliche Tätigkeit zurückgeht? Die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, war lange Zeit umstritten. Sie dürfte sich aber mittlerweile durchgesetzt haben. Im Jahr 2011 hatten annähernd 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.Der Gesamtanteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit lag zur gleichen Zeit bei etwas über acht Prozent: Kaminski könnte auch ein junge polnische Erasmus-Studentin sein, Yilmaz ein Schweizer Fußballer und Peters ein amerikanisches Künstlerpaar.Mittlerweile wird die Anonymisierung von Klingelschildern diskutiert Heute gehen viele davon aus, dass wir in einer postmigrantischen Gesellschaft leben; was nicht heißt, dass alle, die hier leben, sich hier auch schon zu Hause fühlen. Namen mögen also eher indirekt und ohne Gewähr auf die nationale, ethnische oder familiäre Herkunft eines Menschen verweisen. Aber sie tragen ebenso zu dem Bild bei, dass sich andere von einem machen (zum Beispiel am Telefon), wie zur individuellen, rechtlichen Identifizierung. Da sie deshalb zu den personenbezogenen Daten gehören, wurde im Kontext der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) mittlerweile auch die Anonymisierung von Klingelschildern diskutiert; diese sind aber wohl nur am Rande von den neuen Regelungen betroffen. Gleichwohl zeigt sich unser sensiblerer Umgang mit Daten aller Art an anderer Stelle: Das Ersttagsblatt von 2012 gibt ordnungsgemäß einen Bildnachweis an. Der Link zur Bildagentur führt mittlerweile jedoch nicht mehr zu dem entsprechenden Foto. Mehr zum Thema Studie zu fremdenfeindlichen Übergriffen Wo mehr Ausländer leben, gibt es weniger Hassverbrechen Zwar hält sie noch immer unzählige Bilder von Klingelschildern bereit, doch sind auf ihnen keine Namen mehr zu lesen, anhand derer konkrete Nachbarschaften identifizierbar wären: Angesichts der digitalen Möglichkeiten wäre ein Haus, in dem die Familien Hanke, Krüger, Kaminski, Peters, Tozzi und Yilmaz wohnen, wohl ohne größere Schwierigkeiten zu ermitteln. Möglicherweise werden zum Schutz der Privatsphäre die Namen der Nachbarn an der Klingel in den nächsten Jahren ganz verschwinden. Neu: Tagesspiegel Plus jetzt gratis testen!

Source = nachrichteNews.com

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